(BO) Dokumentation: Antisemitischer Angriff auf öffentliche Ausstellung

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 2020 wurde in Bochum ein antisemitischer Angriff auf die Ausstellung „Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ verübt, die an verschiedenen öffentlichen Orten in der Innenstadt gezeigt wurde. Wir dokumentieren an dieser Stelle fortlaufend den Angriff und seine Aufarbeitung. (Stand 24.11.2020)

Die Ausstellung: „Die Ausstellung „Zwischen Erfolg und Verfolgung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach“ würdigt mit Hilfe großformatiger skulpturaler Präsentationen den großen Anteil jüdischer Athletinnen und Athleten an der Entwicklung des modernen Sports in Deutschland. Als Nationalspieler, Welt- oder Europameister, als Olympiasieger oder Rekordhalter zählten sie zu den gefeierten Idolen ihrer Zeit. Nur weil sie Juden waren, wurden sie im NS-Staat ausgegrenzt, entrechtet, zur Flucht gedrängt oder ermordet.“ weiter

Die Ausstellung des Zentrums deutsche Sportgeschichte e.V. und der Universitäten Potsdam und Hannover wurde in Zusammenarbeit mit der Stadt Bochum zwischen dem 7. Oktober und dem 9. November 2020 auf der Huestraße zwischen Hauptbahnhof und Dr.-Ruer-Platz gezeigt.

Der Ort: Im Bereich des heutigen Dr.-Ruer-Platz befanden sich in der Vergangenheit eine jüdische Schule sowie, an der nordöstlichen Ecke, die Synagoge der jüdischen Gemeinde Bochum. Die Synagoge wurde während des Novemberpogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 verwüstet und niedergebrannt. (Informationen „Stele 6“ des Stelenwegs der Ev. Stadtakademie)

Der Angriff: In der Nacht vom 9. auf den 10. November, dem letzten Tag der Ausstellung, wurden mindestens zwei, möglicherweise drei Figuren beschädigt bzw. zwei davon augenscheinlich vollständig zerstört (siehe unsere Fotos vom 10.11.2020); was wir über Facebook öffentlich machten. Den Tatzeitpunkt gab die Polizei Bochum im Gespräch mit unseren Kolleg*innen (am 10.11.2020) mit ca. 3:00 Uhr an. Nach Mitteilung des DFB handelt es sich um die Figuren der Leichtathletin Lilli Hennoch und der Turnolympiasieger Alfred und Gustav Felix Flatow. Laut RP-Online ermittelt der Staatsschutz. Der Schaden an den Figuren wird auf unter 5000 EUR geschätzt.

Die Täter: Die Täter sind bisher unbekannt. Es wurde laut DFB Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Das Motiv: Das Motiv ist ebenso wie die Täter bisher unbekannt – die Tat als solche unabhängig davon antisemitisch. Der Zeitpunkt der Tat – die Nacht vom 9. auf den 10. November – lässt darüber hinaus eine politische, explizit rechtsextreme oder neonazistische Motivation als wahrscheinlich erscheinen: Der Tatzeitpunkt ist nicht nur der offizielle bundesweite Gedenktag des Novemberpogroms 1938, sondern stimmt exakt mit der Zerstörung der Synagoge in Bochum überein (siehe oben).

Warum ist die Tat als solche antisemitisch? Unter Antisemitismus verstehen wir allgemein eine auf Jüdinnen und Juden bezogene Praxis der Gewalt in Wort und Tat sowie deren Rechtfertigung. Als konkrete Handlung entspricht die Zerstörung von Ausstellungsfiguren, die an antisemitisch Verfolgte und an deren langjährige Verdrängung aus der (Sport-)Geschichte erinnern, diesem Begriff. Die Intention der Täter ist irrelevant: die Tat an sich wirkt als antisemitische.

(Korrigiert) Eine Vorgeschichte: Bereits im Oktober „waren die Figur von Walther Bensemann beschädigt sowie die Stele der Brüder Flatow mit antisemitischen Parolen beschmiert worden.“ (Pressemitteilung DFB, 11.11.2020) Der Vorfall wurde erst mit dem jüngsten Angriff als solcher öffentlich. Die Bochumer Polizei hatte am 19.10.2020 gemeldet, zwei Figuren seien entwendet worden; laut WAZ handelte es sich um „ein Mißverständnis“ – die Figuren seien zu diesem Zeitpunkt zur Reparatur bzw. gar nicht aufgestellt gewesen. Weiteres wurden zu diesem Zeitpunkt nicht genannt. Eine Figur wurde in Bochum gewaltsam zerbrochen; der Staatsschutz ermittelte.
Die Ausstellung, so berichten zahlreiche Medien unter Berufung auf die dpa, „ist in der Vergangenheit bereits mehrfach attackiert worden. 2017 wurden die Figuren in Frankfurt/Main dreimal innerhalb eines Monats zerstört. Im hessischen Wetzlar wurden Anfang Oktober zwei Figuren zerstört. Ein 34-Jähriger gestand die Tat. In diesem Fall schloss der Staatsschutz ein antisemitisches Motiv aus: Der Mann soll unter Alkohol- und Drogeneinfluss aus reiner Zerstörungswut gehandelt haben.“

Monitoring:
Amadeu Antonio Stiftung, Chronik antisemitischer Vorfälle (seit 2002): „9. November 2020, Bochum: Ausstellungsfiguren jüdischer Sportler*innen zerstört“ Link

Presse:
Kicker, 11.11.2020: „DFB entsetzt: Ausstellung über jüdische Sportler zerstört“ (jpe) Link
Algemeiner, 11.11.2020: „Far-Right Extremists Mar Commemorations in Germany of Nazi Pogrom of November 1938“ (Ben Cohen) Link
Deutsche Welle, 11.11.2020: „Germany: Jewish sports exhibition in Bochum vandalized, football federation ‚horrified'“ (Davis VanOpdorp) Link
WDR, 11.11.2020: „Ausstellung über jüdische Sportler in Bochum zerstört“ Link
WAZ, 11.11.2020: „Unbekannte zerstören Figuren jüdischer Sportler in Bochum“ (Andreas Rorowski) Link
Radio Bochum, 12.11.2020: „Ausstellungsstücke zerstört“ Link
Rheinische Post, 12.11.2020: „Staatsschutz ermittelt: Schau zu jüdischen Sportstars in Bochum beschädigt“ (chal/dpa) Link
Deutschlandfunk, 12.11.2020: „Vandalismus bei Ausstellung über jüdische Sportler: ‚Mit großer Wahrscheinlichkeit eine politische Tat'“ (Ines Grunow) Link
Deutschlandfunk, 12.11.2020: „Antisemitismus: DOSB verurteilt Attacke auf Ausstellung zu jüdischen Sportstars in Bochum als ‚feige Tat'“ Link
Süddeutsche, 12.11.2020: „Schau zu jüdischen Sportstars beschädigt: Ermittlungen“ (dpa/lnw) Link
Westdeutsche Zeitung, 12.11.2020: „Schau zu jüdischen Sportstars beschädigt: Ermittlungen“ (dpa) Link
Associated Press, 12.11.2020: „German sports body condemns vandalism of Jewish memorial“ (Ciaran Fahey) Link
Focus, 12.11.2020: Hörmann verurteilt Angriff auf Ausstellung über jüdische Sportler“ Link
Sportschau, 12.11.2020: „Ausstellung über jüdische Sportstars in Bochum zerstört“ Link
Inside the Games, 13.11.2020: „DOSB among German groups to condemn attack on statues of Jewish athletes“ (Duncan Mackay) Link
T-Online & Süddeutsche, 13.11.2020: „Sportministerkonferenz verurteilt Anschlag auf Ausstellung“ (dpa) Link & Link
The Times of Israel, 13.11.2020: „German sports body condemns vandalism of exhibition honoring Jewish athletes“ (AP/Ciaran Fahey) Link
Jüdische Allgemeine, 13.11.2020: „‚Menschenverachtende Haltung'“ (dpa/epd) Link
FAZ, 13.11.2020: „‚Hinterhältige Angriffe‘ auf jüdisches Andenken in Bochum“ (jaeh./dpa) Link
ct – Das Radio, 13.11.2020: „Vandalismus in Bochum – Ausstellung zu jüdischem Leben“ (Feature, Moritz Fuß) Link
Mannheimer Morgen, 13.11.2020: „Unbekannte zerstören Schau für jüdische Asse“ (dpa/red) Link
FAZ, 14.11.2020: „Eine Schande“ (Kommentar, Christoph Becker) Link
WAZ, 15.11.2020: „Jüdische Figuren in Bochum beschädigt: Empörte Reaktionen“ Link
FAZ, 16.11.2020: „Nach antisemitischer Attacke: ‚Jüdische Stars‘ weiter auf Tour“ (Christoph Becker) Link
Jüdische Allgemeine, 17.11.2020: „‚Widerliche Zerstörungswut‘ – Open-Air-Ausstellung jüdischer Sportlegenden geschändet“ (dpa/epd/ja) Link
DOSB-Presse (Deutscher Olympischer Sportbund), 18.11.2020: „Die Lehren von Bochum“ (Stefan Volknant) Link
Jungle World, 19.11.2020: „Chronik rassistischer und antisemitischer Vorfälle – Deutsches Haus #47/2020“ (jb) Link
Sportbuzzer, 19.11.2020: „‚Ich staune über ihren Mut‘: Rainer Hertle erforscht Geschichte jüdischer Fußballvereine in Leipzig“ (Frank Müller) Link
Tagesspiegel, 20.11.2020: „Antisemitische Angriffe auf Sportausstellung: Erst ermordet, dann vergessen, jetzt geschändet“ (Martin Einsiedler) Link

Reaktionen:
– Zahlreiche symbolische Reaktionen auf unsere Facebookmeldung vom 10.11.2020. Link
Reaktion Honestly Concerned, 10.11.2020: „Und schon wieder… :(“ Link
Pressemitteilung des DFB, 11.11.2020, Erklärungen von Gottfried Wewer & OB Thomas Eiskirch: „Wir sind entsetzt und beschämt über die Nachricht der gezielten Zerstörung mehrerer Figuren der Ausstellung. Das Datum – der Jahrestag der Reichspogromnacht – und eine zuvor verbrochene Schmiererei auf einer der Figuren legen ein antisemitisches Motiv nahe. Gerade gegen diese menschenverachtende Einstellung setzen wir gemeinsam mit der Kulturstaatsministerin seit fünf Jahren ein Ausrufezeichen. Und wir werden es weiter tun, trotz oder gerade weil es offenbar Menschen gibt, die aus der Geschichte nichts gelernt haben.“ – Dr. Gottfried Wewer (DFB-Kulturstiftung)
„Die mutwillige Zerstörung der Figuren dieser wichtigen Ausstellung macht uns fassungslos. Das ist das Allerletzte. Bochum war und wird eine weltoffene und tolerante Stadt bleiben, in der Erinnerungskultur immer einen Platz hat.“ – Thomas Eiskirch (OB Bochum) weiter
Reaktion des World Jewish Congress, 11.11.2020: „81 years after Kristallnacht — a night of anti-Jewish violence and horror carried out by Nazis — the vandalization of this memorial to Jewish athletes in Germany is especially shocking.“ Link
Reaktion der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, 12.11.2020: „‚Eine derartige Tat am Jahrestag der Reichspogromnacht 1938 zeugt von einer menschenverachtenden Haltung.‘ Solche Übergriffe seien nicht hinnehmbar.“ weiter
Reaktion Oliver Tietz (DFB-Kulturstiftung), 12.11.2020: „Dass es Antisemitismus gibt, im Sport, in der Gesellschaft, nicht nur in Deutschland, auch in Europa und anderswo, das ist nachvollziehbar. Das sieht man. Und insofern stellen wir uns auch mit dieser Ausstellung in diese politische Diskussion direkt hinein. Auch an öffentlichen Orten, wir sind nicht versteckt hinter Museumsmauern. Die Ausstellung platziert sich öffentlich, im öffentlichen Leben. Insofern überrascht es nicht, dass es auch eine solche Reaktion geben kann. So bewusst muss man sich der Situation sein.“ weiter
Erklärung von Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, 12.11.2020: „Wir verurteilen die hinterhältigen Angriffe auf das wichtige Andenken unserer Sportkameraden Lilli Hennoch, Alfred und Gustav Felix Flatow und Walther Bensemann auf das Schärfste. Zugleich stehen wir solidarisch mit unseren Mitgliedsverbänden DFB und Makkabi Deutschland und all denen, die sich für die Werte des Sports aktiv einsetzen.“ weiter
Reaktion des European Jewish Congress, 12.11.2020: „Statues in Bochum that depicted famous German-Jewish athletes have been vandalised. We hope the vandals will face justice for this act of hate.“ Link
Erklärung Makkabi Deutschland, 13.11.2020: „Das Präsidium von MAKKABI Deutschland appelliert eindringlich an alle Bürgerinnen und Bürger in unserem Land, dem Antisemitismus laut und entschieden entgegenzutreten! Nur Solidarität zu zeigen oder nur „Nie wieder!“ zu sagen reicht nicht mehr aus. Wir fordern, dass Worten Taten folgen: Der Vorfall muss lückenlos aufgeklärt werden und den Tätern muss gezeigt werden, dass antisemitische Straftaten empfindliche Konsequenzen haben!“ weiter
Erklärung der Antisemitismusbeauftragten des Landes NRW Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 13.11.2020: „Das ist nicht Vandalismus, das ist widerliche Zerstörungswut aus antisemitischer Überzeugung. Sport verbindet über alle Grenzen hinweg. Zusammen mit der Evangelischen Stadtakademie Bochum möchte ich im nächsten Jahr eine neue Stele über den letzten jüdischen Fußballmeister Hakoah Bochum erstellen. Jetzt erst recht! Den Feinden der Juden überlassen wir nicht die öffentlichen Räume.“ weiter
Erklärung der Vorsitzenden der SportministerInnenkonferenz, Sportsenatorin Anja Stahmann (Bremen), 13.11.2020: „Dieser Übergriff am Jahrestag der Reichspogromnacht macht mich fassungslos. Hier tritt eine Gesinnung zutage, der unsere Gesellschaft mit aller Entschiedenheit entgegentreten muss.“ weiter
Kommentar in der FAZ, Sportredakteur Christoph Becker, 14.11.2020: „Eine Schande“ – „Die Cousins Alfred und Gustav Felix Flatow haben Goldmedaillen gewonnen am Barren und am Reck. Von den Nazis wurden sie im KZ Theresienstadt ermordet, Alfred Flatow 1942, Gustav Felix Flatow im Januar 1945. Lilli Henoch, zehn Mal deutsche Leichtathletikmeisterin, wurde am 5. September 1942 in Riga ermordet. In der Nacht vom 9. auf den 10. November, auf den Tag 82 Jahre nach den staatlich organisierten Pogromen gegen jüdisches Leben in Deutschland, wurden sie wieder Opfer des Antisemitismus in Deutschland.“ weiter
Reaktion des SPD-Unterbezirksvorsitzenden Karsten Rudolph, 15.11.2020: „Wir sind geschockt, wütend und schämen uns. Das ist nicht das Bochum, das wir meinen.“ weiter