Aktuell: „Albert Memmis andere postkoloniale Kritik“

Aktuell erschienen: Die erste Ausgabe der (neuen) Hallischen Jahrbücher, mit dem Themenschwerpunkt „Die Untiefen des Postkolonialismus“ (Edition Tiamat, Berlin). Unser Vereinskollege Florian Hessel porträtiert unter dem Titel „Die historische Enttäuschung. Albert Memmis andere postkoloniale Kritik“ darin Albert Memmis Auseinandersetzung mit kolonialer Herrschaft und Entkolonisierung, mit Rassismus, Antisemitismus und Herrschaft in Zeiten globaler Verflechtung – und nicht zuletzt seine Kritik der diese heute umgebenden Mythen und Missverständnisse. Des Weiteren u.a. enthalten: Philipp Lenhard zur Differenz von Antisemitismus und Rassismus, Steffen Klävers über Holocaustdeutungen in der postkolonialen Theorie, ein Gespräch mit Dan Diner über seine neue Globalgeschichte des Zweiten Weltkriegs, Randi Becker über Achille Mbembe oder Jan Gerber über den Barbie-Prozess; Kurzgeschichten, Lyrik, Übersetzungen, Wiederveröffentlichtes. (zur Leseprobe)

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„1957 erschien in Paris eine kurze Schrift mit dem Titel Portrait du colonisé précédé du Portrait du colonisateur (deutscher Titel: Der Kolonisator und der Kolonisierte. Zwei Porträts, 1980). Ein Jahr nach der Unabhängigkeit Tunesiens von Frankreich und drei Jahre nach Beginn des algerischen Aufstands gegen die französische Kolonialherrschaft wurde der von einem Vorwort Jean-Paul Sartres begleitete soziologische Essay sofort zu einem Klassiker der antikolonialen Literatur. Der Versuch, dessen Verbreitung staatlich zu unterdrücken, scheiterte nach kurzer Zeit. Der in Tunis geborene Autor Albert Memmi analysiert – ebenso wie vier Jahre später Frantz Fanon in seinem heute ungleich bekannteren Buch Les damnés de la terre (1961, deutscher Titel: Die Verdammten dieser Erde, 1966) – das brutale Herrschafts- und Gewaltverhältnis, das der Kolonialismus darstellt, aus der Erfahrungsperspektive eines kolonial Unterdrückten. Das Bewusstsein von der Notwendigkeit der Abschaffung des Kolonialverhältnisses durch eine Revolte der Kolonisierten verbindet sich darin mit der Hoffnung auf eine folgende grundlegende Veränderung – der Beziehungen zwischen den Menschen, wie der der Menschen zu sich selbst: „Wenn [der Kolonisierte] aufhört, dieses Wesen der – äußeren oder inneren – Unterdrückung und Verarmung zu sein,“ heißt es in den letzten Sätzen von Der Kolonisator und der Kolonisierte, „dann ist er nicht länger Kolonisierter, er wird ein anderer. […] Sicherlich mit all dem Glück und Unglück der Menschen, aber er wird endlich ein freier Mensch sein.“

Ein halbes Jahrhundert später veröffentlicht derselbe Autor einen anderen, im Titel (natürlich bewusst) korrespondierenden Essay. „Selten habe ich ein so geringes Bedürfnis gehabt, ein Buch zu schreiben,“ so beginnt dieses Portrait du decolonisé arabo-musulman et de quelques autres („Porträt des arabisch-muslimischen Entkolonisierten sowie einiger anderer“). „Denn während ich […es] schrieb, fürchtete ich, dass meine Argumente ungehört bleiben oder verfälscht würden, oder die Probleme verstärken könnten, denen sich die immer noch fragilen, unsere Unterstützung verdienenden Gesellschaften gegenübersehen.“ Die Notwendigkeit, 2004 dieses Buch zu schreiben, folgt für Albert Memmi, persönlich wie allgemein, aus einer doppelten historischen Enttäuschung: Die Hoffnung bzw. das Potenzial, das er 1957 umrissen hatte, blieb, so scheint uns der Autor zu sagen, bislang uneingelöst bzw. ungenutzt. Und mehr noch, er zögert, da ihm das kulturelle Klima dem Versuch kaum zuträglich erscheint, die gesellschaftlichen Bedingungen und die Gründe seiner Enttäuschung aufzuklären.

Während der Schriftsteller und Soziologe in der französischsprachigen Welt zu den wichtigsten Intellektuellen zählte, ist er andernorts, namentlich in Deutschland, heute vergleichsweise unbekannt und nur ein Teil seiner (älteren) wissenschaftlichen Schriften ist übersetzt. Doch eine neuerliche Lektüre Albert Memmis lohnt – gerade angesichts der Tatsache, dass der Kolonialismus heute in manchen Bereichen der Öffentlichkeit (endlich) zumindest angesprochen wird, aber auch angesichts dessen, dass dessen Thematisierung willkürlich der Erinnerung an die Shoah gegenübergestellt wird; dass Antirassismus allzu oft und kaum implizit gegen die Thematisierung von ‚neuem‘ oder israelbezogenem Antisemitismus ausgespielt wird; dass Mythen der Selbstversicherung unter verunsichernden Verhältnissen der Aufklärung vorgezogen werden. Denn betrachtet anhand von Memmis Werk, das von einer spezifischen Erfahrung durchzogen ist und den Anspruch der Einzelnen auf freie Entscheidung, Befreiung und Glück ins Zentrum stellt, werden einige der Leerstellen, der Sackgassen und der Verwechslungen in den aktuellen Debatten über Kolonialismus und Entkolonisierung, über Antisemitismus und Rassismus nach Auschwitz und nach dem Ende des Kolonialverhältnisses, wie auch die komplexen Verhältnisse der Herrschaft von Menschen über Menschen unter den Bedingungen einer erstmals tatsächlich globalen Vergesellschaftung, deutlicher sichtbar. Einiges davon soll im Folgenden exemplarisch skizziert werden. […]“