Aktuell: „Vor der Vernichtung“. Über Paul Massings „Vorgeschichte des politischen Antisemitismus“

Unlängst erschienen: Unser Vereinskollege Florian Hessel bespricht in der Jungle World die aktuelle Wiederveröffentlichung von Paul Massings „Vorgeschichte des politischen Antisemitismus“ und würdigt diese als klassische, „bahnbrechende Studie“.

„Die Untersuchung zur Geschichte der deutschen Judenfeindschaft arbeitet die politische Funktion des Ressentiments heraus und fragt nach seinen ökonomischen Voraussetzungen. (…)
»Gründe für die Dynamik des ­Antisemitismus«, schreibt Massing, »können nur in der Dynamik der Gesellschaft gefunden werden.« Stringent und begrifflich klar beschreibt er nicht nur, wie sich der Antisemitismus in den politischen Konstellationen des deutschen Kaiserreichs entwickelte, er belegt auch dessen Verflechtung mit dem Nationalismus und die Rolle der entstehenden Kulturindustrie. Insbesondere liefert er eine wegweisende Beschreibung der gesellschaftlichen Funktion des Judenhasses und ihres Wandels. Zum einen wurde der ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts virulente Antisemitismus der christlich-sozialen Bewegung des Hofpredigers Adolf Stoecker, der die soziale Frage zur »Judenfrage« umdeutete, um 1880 von einem völkischen Antisemitismus überlagert, welcher die modernen gesellschaftlichen Verhältnisse als »Zersetzung« und »Verjudung« denunzierte. Zum anderen trat der politische Antisemitismus im ersten deutschen Nationalstaat als Massenbewegung auf, zuerst als Mittel aristokratischer Politik, dann als sich verselbständigendes Moment demokratisierender Massenpolitik und Massenkultur. Deren Reservoir bildeten nicht die traditionell orientierten Schichten, das betont Massing in seiner brillanten Charakterisierung der völkischen Bewegung, sondern Milieus, die bereits unwiderruflich von gesellschaftlicher Modernisierung, Säkularisierung und den Widersprüchen einer unvollendeten Emanzipation geprägt waren. »Die bösartigste Sorte von Antisemitismus verbreiteten Lehrer, Studenten, Industrie- und Handelsangestellte, untere Beamte, Freiberufler und Anhänger der verschiedensten Sekten: Mitglieder von Lebensreformbewegungen, Roggenbrot-Enthusiasten, ›Zurück-zur-Natur‹-Schwärmer und Gegner der Vivisektion.« (…)
Gegenwärtig neigt man in der Antisemitismusforschung und der Öffentlichkeit dazu, psychologische, mikrosoziologische und kommunika­tive Faktoren des Antisemitismus zu betonen und die politische Funktion sowie die politisch-ökonomischen Entstehungsbedingungen zu vernachlässigen. Antisemitismus, daran erinnert Massings Studie, »aktualisiert sich als Mittel der Politik« (Horkheimer/Adorno).“

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