Dokumentiert: Erklärung zum Sammelband „Frenemies“

Antisemitismus, Rassismus und ihr widersprüchliches Verhältnis, in Debatten um den israelisch-palästinensischen Konflikt zumal, sind politisch wie gesellschaftlich sensible Themen, die einen sensiblen Umgang erfordern. Nicht nur begrifflich oder gesellschaftsgeschichtlich ist den Phänomenen gerecht zu werden, sondern noch mehr den Erfahrungen der Betroffenen – Erfahrungen, die immer Erfahrungen von antisemitisch oder rassistisch gerechtfertigter Gewalt in Wort und Tat bedeuten.

Die Strukturen der öffentlichen und politischen Debattenpraxis machen eine Auseinandersetzung umso schwerer – die „Kontroverse“ wird allzu oft um ihrer selbst willen ‚gepflegt‘ und inszeniert. In vielerlei Hinsicht ist diese Debattenstruktur von Schematisierung, Klischee, Skandalisierung, Verschlagwortung, Identifizierung ein wesentliches Medium für Ressentiments in der Gegenwart – so vieles „wird man ja mal sagen dürfen“, das alles sei dann lediglich „eine bloße Meinungsäußerung“.

Das Vorhaben mit einem Sammelband Konstellationen der Auseinandersetzung um Antisemitismus, Rassismus und auch den israelisch-palästinensischen Konflikt jenseits des Debattenbetriebs in Feuilleton und politischer Öffentlichkeit zumindest abzubilden, ist dementsprechend sehr zu begrüßen. Ebenso wie in der Öffentlichkeit insgesamt ist Vertrauen dabei ein zentraler Faktor – Vertrauen insbesondere der Autor*innen, dass die Herausgeber*innen mit ihren Beiträgen und ihrer Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung verantwortlich umgehen. Vertrauen darin, dass Offenheit und Klarheit herrscht über das jeweilige Gegenüber und über die Grundlagen der Diskussion – über ihre Grenzen namentlich: dass nicht darüber diskutiert werden kann ob denn etwa – salopp gesagt – „Juden Menschen sind“, dass dieselben Bedingungen, Rechte etc. für alle Menschen gelten, dass phantasmatische Zuschreibungen etwas anderes sind als begründbare und belegbare Argumente!

Diesen Mindestanforderungen an Vertrauen und Transparenz sind die Herausgeber*innen des Bands „Frenemies“ offenbar nicht gerecht geworden. Unsere Kolleg*innen von hagalil.com veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung sowie die für „Frenemies“ geschriebene Beiträge unserer Kolleg*innen Tanja Kinzel, Bianca Loy, Daniel Poensgen, Monika Schwarz-Friesel, Anja Thiele, Karin Stögner, Steffen Klävers und Olaf Kistenmacher.

Wir dokumentieren die Erklärung folgend als Zeichen unserer aktiven Solidarität:

„Gemeinsame Erklärung zur Rücknahme unserer Beiträge aus dem Sammelband „Frenemies“

Am 12.10.2022 ist der von Meron Mendel, Saba-Nur Cheema und Sina Arnold herausgegebene Sammelband „Frenemies“ erschienen, der antisemitismus- und rassismuskritische Stimmen in einem Band versammeln will. Ursprünglich hatten wir, die Autor:innen, auf Anfrage ebenfalls Beiträge für diesen Sammelband eingereicht. Als uns einen Tag vor Einsendeschluss der Korrekturfahnen im Juni 2022 und nur durch einen Zufall bekannt wurde, dass die Autoren Kerem Schamberger und Ramsis Kilani in dem Sammelband ihre Pro-BDS-Position vertreten würden, haben wir uns entschieden, unsere Beiträge zurückzuziehen.

Wir haben uns dazu entschieden, weil wir es mit unseren wissenschaftlichen, politischen, zivilgesellschaftlichen und pädagogischen Überzeugungen für unvereinbar halten, mit diesen Autoren einen Sammelband zu teilen. Beide sind in der Vergangenheit als Unterstützer der antisemitischen BDS-Bewegung in Erscheinung getreten und haben islamistischen Terrorismus gegen den Staat Israel als legitimen Widerstand verharmlost. Kilani, Aktivist der Gruppe „Palästina Spricht“, war zudem zwei Mal Gast in der Radiosendung des Verschwörungsideologen Ken Jebsen (KenFM).

Unser Vertrauen wurde auch deshalb beschädigt, weil der Herausgabeprozess intransparent war. Bis zuletzt war uns vorenthalten worden, dass der Text von Kilani/Schamberger, der BDS als nicht antisemitisch einstuft, im Sammelband erscheinen würde. Auch im Lektoratsprozess wurde uns kein finales Inhaltsverzeichnis kommuniziert. Zwar wurde der Beitrag nach unserem Rückzug ebenfalls aus dem Band genommen; der Vorgang wurde jedoch nicht mit einer inhaltlichen Kritik an deren Positionen begründet, sondern mit dem instrumentellen Grund, unsere Beiträge zurückzugewinnen und das Gesamtprojekt nicht zu gefährden. Zu keinem Zeitpunkt haben wir von den Herausgeber:innen gefordert, den Beitrag von Schamberger und Kilani aus dem Band zu entfernen oder den Herausgeber:innen gedroht, unsere Beiträge zurückzunehmen.

Im Verlauf der Auseinandersetzung ist deutlich geworden, dass unsere Kritik nicht ernst genommen wurde. Im Vorfeld getätigte Versicherungen gegenüber jüdischen Autor:innen, dass der Band ihre Sorgen in Bezug auf die Verharmlosung von Antisemitismus ernst nimmt, wurden nicht eingehalten. Vielmehr ist der Eindruck entstanden, dass unsere Namen und kritisch-progressiven Stimmen dazu instrumentalisiert werden sollten, die gesellschaftlich omnipräsente Bagatellisierung des israelbezogenen Antisemitismus durch den gemeinsamen Auftritt mit BDS-Positionen in einem Sammelband noch weiter zu legitimieren.

Die Autor:innen

Erklärung und Beiträge: LINK

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